Christian Anders:  Die Mauer. Liebe ist stärker.

15. Folge

 

Zurück in meinem Hotel, verarbeite ich das Erlebte in der Hotel-Bar bei einer Club-Cola gemischt mit Rum. Das muss man sich als gewissermaßen anti-imperialistisches Mixgetränk vorstellen, welches sich an politisch korrekten Vorbildern aus Kuba und der Sowjetunion und nicht etwa an der uns bekannten Bacardi Cola orientiert. Schmeckt fast so gut wie die Bacardi Cola und kostet aber mehr als der Bacardi im Westen. Eines ist klar, in meinem Leben wird nichts mehr so sein wie früher. Das weiß und fühle ich, und ich habe nicht einmal Angst davor. Aber übermorgen? Warum kann ich Veronika erst übermorgen wiedersehen? Warum nicht morgen? Zwei ganze Tage ohne Veronika! Was ist nur los mit mir?          

 

Am nächsten Morgen reiße ich mich am Riemen. Es gibt ja wohl noch andere Dinge als Veronika (wirklich?), zum Beispiel meine Doktorarbeit. Schließlich bin ich hier, um zu arbeiten, und meine Dissertation muss mehr widerspiegeln als Veronikas kommunistisch vorgefasste Weltanschauung. Ich hatte andererseits auch nicht die Absicht, den Osten als Dritte-Welt-Region zu präsentieren oder zu definieren. Obwohl mir dieser vom Westen abgetrennte Teil Deutschlands zunächst grau und trist vorkam, fühle ich jetzt tief in mir, dass hier alles weder grau noch schwarz-weiß ist, sondern dass sich hier hinter der meist grauen Fassade mehr verbirgt, als das Auge wahrnimmt. Bin noch nicht mal drei Tage in der DDR und doch fühle ich schon, dass es hier ein Geheimnis gibt, von dem wir im Westen nichts ahnen. Dieses Geheimnis zu lüften, diesen Schatz zu finden, habe ich mir als zweites Ziel gesetzt. Das erste Ziel ist und heißt Veronika. Ich werde, nein ich muss ... aber was werde ich denn, was muss ich? Veronika  lebt in der DDR und ich bin auf der anderen Seite der Mauer. Zwischen uns ist Stein und Stacheldraht und eine noch größere, andere Mauer, und zwar die Mauer der Ideologie. Daran will ich aber jetzt einfach nicht denken, ich will den Schatz heben, etwas, wie ich fühle, sehr Wertvolles, das die Menschen in der DDR verbindet. Was ist die-ses Etwas? Ich weiß nur, fühle, dass es existiert, und so mache ich mich auf die Suche danach und nutze die Stun-den, bis ich Veronika wiedersehe, mich näher mit den Menschen der DDR zu befassen, tiefer zu bohren, genauer zu fragen. Ich will das Geheimnis Ostdeutschlands und der Ostdeutschen ergründen, und DAS muss, ja das wird der Kern meiner Dissertation werden. Die Mauer selber sehe ich, wie bereits meinen westlichen Kommilitonen gegenüber geäußert, als eine Art „Umweltverschmutzung“, die es gilt, so schnell wie möglich wieder zu beseitigen, um so Deutschland und die Deutschen von diesem Schandfleck der Geschichte zu befreien. Das sind wir uns und unseren Kindern und Kindeskindern einfach schuldig. Schließlich haben wir Deutschen genug, dessen wir uns schämen müssen, da bedarf es nicht noch einer weiteren Schande, nämlich der Berliner Mauer. Also recherchiere und interviewe ich auf Teufel komm raus.

 

Bei einer kleinen Bierbude am Müggelsee werde ich fündig. Die Besitzerin ist eine füllige Mittfünfzigerin mit roten Wangen und einem freundlichen Gesicht. Außer mir ist im Augenblick kein Gast anwesend, ich bestelle eine Tasse Kaffee und ein Käsebrot, und wir kommen ins Gespräch. Meine Fragen sind klar und direkt. Und das Wunder geschieht. Von dieser Frau erfahre ich Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich dachte bisher immer, hier leben meist nur frustrierte, überwachte und unterdrückte Menschen, die sich den grauen DDR-Alltag mit Alkohol schön trinken. Doch ist das wirklich so? Diese Frau belehrt mich eines besseren und sagt etwas ganz Erstaunliches: „Das Eingesperrtsein ist zwar schlimm, denn man sieht im Fernsehen, was so in der Welt los ist, und hier kann man nichts richtig kaufen. Andererseits haben wir hier in der DDR keine Angst davor, arbeitslos zu werden oder aus der Wohnung zu fliegen oder dass die Kinder nicht in den Kindergarten gehen können. Hier ist alles, aber auch wirklich ALLES geregelt. Licht ohne Schatten geht eben nicht. Was ich da höre, macht Sinn. Allmählich bekomme ich den Eindruck, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn die DDR als Staat weiter besteht, die Bürger aber die Möglichkeit haben, ein- und auszureisen. Wenn die Regierenden schlau wären, dann würden sie genau das veranlassen, denn dann würden die DDR-Bürger sehen, wie gut sie es eigentlich haben, verglichen mit über 4 Millionen Arbeitslosen und jeder Menge Armer, Obdachloser und Bettler bei uns im Westen. „Es ist aber auch wir gegen den Staat,“ sagt die Frau dann und schaut sich um, ob das auch niemand außer uns hört. „Wissen Sie, wie wir Westprogramme empfangen?“ Ich schüttele den Kopf. Sie lächelte mit listigem Blick: „Wir kleben ein kleines Radio mit laufendem Ostsender an die Tür, und drinnen sehen wir die ZDF Hitparade oder andere Westsendungen!“ Ich begreife nicht ganz, und sie lacht: „Na, wenn ein Spitzel an der Tür lauscht, hört er Ostradio, während wir drinnen Westradio oder Westfernsehen mitbekommen!“ Jetzt hab ich kapiert. „Das ist ja richtig abenteuerlich!“ Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. “Wir hier im Osten rücken zu-sammen. Wir haben gar keine andere Wahl!“ Ich erfahre von selbstgebauten Konvertern zum Empfang des ZDF, von auf dem Dachboden versteckten Westantennen, damit der ABV, also der Abschnittsbevollmächtigte, sie nicht finden kann. Und dann höre ich von der guten Frau, was wir im Westen nie erfahren, und WIE sehr die Menschen hier zusammenhalten, wenn es darauf ankommt: Im Winter 78/79 brach im Norden, an der Ostsee also, alles zusammen. Schneefall ohne Ende, Strom  und Wasser fielen aus, was wiederum zum Ausfall der Fernwärmeversorgung führte. Nichts ging mehr. Es gab für den Normalbürger weder Zeitung, Radio oder Fernsehen. Batterien, Kerzen und Streichhölzer waren ausverkauft. Alle Läden waren geschlossen. In diesem nahezu aussichtslosen Chaos zeigte sich die Kollektivität und der Einfallsreichtum der DDR-Bürger, ganz  nach der „Drei Musketiere“-Parole „Einer für alle, alle für einen.“ Man kratzte Wachsreste zusammen, nahm alte Schnürsenkel als Docht sowie leere Papphülsen vom Klopapier als Hülle für die Kerze. Restwachs wurde mit Feuer geschmolzen, und wenn ich „Feuer“ sage, dann bedeutet das in diesem Fall, so erzählt die Frau, einen alten Topf, in dem eine Zeitung bzw. das Geschenkpapier von Weihnachten räucherte. Das Wachs tat man in einen alten Blechnapf, Restwachs wird erwärmt, eine Papphülse aufgestellt, den alten Schnürsenkel rein-halten, Wachs reingießen, Kerze zum Abkühlen ans Fenster stellen und fertig ist das Licht. Und wieder brannte eine Kerze. So und anders half man sich selbst und gegenseitig, bis gegen Anfang Januar wieder Normalität einkehrte. „Den Bonzen in ihren Datschen mangelte es in der ganzen Zeit natürlich an nichts,“ sagt die Frau mit bitterer Miene. “Apropos Bonzen. Wenn Erich &Co Urlaub machen, dann werden ganze Gebiete reserviert, zum Beispiel die Insel Vilm bei Rügen! Und wenn Stoph in seinem Privatgewächshaus herumstochert, da geh'n in den umliegenden Dörfern die Lichter aus, soviel Strom verbraucht der!“ Dies und vieles mehr erfahre ich von ihr über die Ferien-domizile der DDR Bonzen. Zum Beispiel, dass Honecker am Drewitzer See ein luxuriöses Anwesen hat, eingerich-tet mit Westmöbeln und  Privatkino. Jetzt wird die Dame wirklich sauer: „Aber wenn wir Normalbürger auch nur einen Westkugelschreiber besitzen oder einen Plastebeutel oder T-Shirt mit Westwerbung, dann kriegen wir Ärger oder müssen das T-Shirt umdrehen. Aber bei den Bonzen grinst der Westen aus allen Ecken!“ Jetzt muss ich sie wirklich mal beruhigen: „Glauben Sie mir, gute Frau, die meisten Politiker bei uns im Westen sind genauso verlogen und korrupt.“ Sie blickt sich ängstlich um: „Sie werden mich doch nicht bei der Stasi verpetzen?“ Ich schiebe ihr einen zehn Westmark Schein rüber, und ihre Augen werden groß wie Teller. „Den Teufel werde ich tun", sage ich. „Will mich nur informieren, wie das Leben hier bei euch auf der Ostseite der Mauer so abläuft. Und ich bin Ihnen für jede Information dankbar.“ Mit feucht glänzenden Augen steckt sie den Geldschein in ihre Rocktasche. Heute ist mein Glückstag. Fast keine Kunden kommen, ...

 

ISBN Printausgabe: 9783937699448; 204 Seiten, Preis 14.00 € incl. MwSt., Versand innerhalb von Deutschland portofrei

ISBN e-book: 9783937699455

 

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