Christian Anders:  Die Mauer. Liebe ist stärker.

11. Folge

Drei Punker betreten das Lokal, setzen sich an den Nebentisch. Sie tragen zerrissene Ostjeans, alte Nietenjacken und hohe Schnür-stiefel. Die Herrschaften werde ich jetzt mal interviewen, die haben sicher eine offenere Weltsicht als die anderen DDRler, sind viel-leicht cooler drauf. Ich habe keine Scheu, mich bei denen gleich als Westberliner zu outen. „Geil eh“, sagt das Mädchen auf sächs-isch, das bei ihr ganz nett klingt. Ich staune, schon wieder hier in Berlin diesen Dialekt zu hören.

Kleiner gedanklicher Seitensprung zur Ehrenrettung der sächsischen Sprache: Schließlich ist meiner Meinung nach das Sächsische immerhin die Sprache Goethes, denn eines ist mit Sicherheit klar: Der "Faust" wurde in Hochdeutscher Mundart geschrieben, die sich nach wie vor am Sächsischen orientiert. Auf jeden Fall mochte Goethe Leipzig, sonst hätte er nicht gesagt: “Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute!“

Doch nun zurück zur Punkerin. Mit Goethe hat sie ansonsten nicht viel zu tun. Sie ist sicherlich nicht über 18 und total durchgestylt, mit Irokesen - Haarschnitt und Ring durch die Nase, die Ober- und Unterlippe ist gepierct. Man fühlt sich in ein Londoner Viertel zurück versetzt, wo die Punkbewegung ja ihren Anfang nahm. Ich komme gleich zur Sache und konfrontiere die Punk Gang mit folgenden Worten: „Punk setzt auf offene Ablehnung der Gesellschaft und erteilt hoffnungsvollen Zukunftserwartungen mit dem Slogan "No Future" eine Absage. Was habt ihr denn gegen die DDR-Gesellschaft, und warum hat die No Future?“ Der Junge mit der tätowierten „fuck you“ Stirn stellt zunächst klar, dass er und seine Freunde Anarchisten sind und nichts mit den neofaschistischen Skinheads in der DDR zu tun haben, denn „das sind nichts weiter als verkappte Nazis“. Was er als Punker im Osten noch so alles denkt, sagt er mir: „Unser Protest ist total. Er richtet sich gegen alles. Unser Motto ist: “Lieber beißen als verscheißen“. Wir lehnen alles ab, was vom Staat kommt. Unsere Bands heißen „Namenlos“, „Schleimzeit“, und „Aussatz“. Unser Tanzstil ist Pogo, 'ne Art wilder Anti-Disko-Schüttler. Dabei toben wir uns aus. Wir stehen auf Texte der Gruppe „Planlos“ und Micha Kobs, weil die auch ver-künden, was uns hier nicht passt. Willste mal hören?“ Ich nicke nur. Und ob ich will. Er legt los:

 

“Auf der Straße Atemnot, Kinder spiel'n mit Hundekot, 

tote Tauben, Straßendreck, wie kriegen wir den Dreck bloß weg?

 

Oder wie wär's mit „Abfallsozialprodukt“?

Politik - du jämmerliche Hure

Demokratie - du verlogenes Schwein

Parteien, Parteien, Parteien, Parteien

Wir haben die Schnauze voll von euch.

 

Oder darf's etwas „Notdurft“ sein?“

 

Der junge Mann hat sich richtig in Rage geredet und trägt weiter vor:

 

„In unserer Stadt ist gar nichts los

Ab sieben sind die Straßen tot

Die Hunde jaulen in der Stadt

Sie haben die Langeweile satt.“

 

Der Typ zieht einmal den Rotz durch die Nase und raunzt dann:

 

„Hier kommt meine Lieblingsband, und das ist „Schließ-muskel“.

 

„Guten Tag – ich heiß Gewalt

Ich mache auch vor dir nicht halt

Ich trete dir zwischen die Beine

Und du meinst – du bist ganz alleine.“

 

So etwas ist hier erlaubt? Erstaunlich. Außerdem erfahre ich, dass ich sozusagen fast Zeuge der „ersten Stunde“ der Punkbewegung im Osten bin. Die gibt es hier nämlich noch gar nicht so lange. Dann bringt der sympathische Freak es auf den Punkt: “Für die Stasi sind wir doch nur Freiwild. Und weil hier no Future ist, nennen die meisten 18-jährigen als Traumberuf „Rentner“. No Future ist in diesem Scheißland außerdem, weil man sich hier erst zehn Mal umsehen muss, bevor man einmal die Wahrheit sagen darf!“ Wie Recht er hat, erfahre ich, als die drei plötzlich aufstehen, bevor sie was bestellt haben, und wieder abziehen. Sie schauen in Richtung Tür. Da stehen zwei gar nicht so freundliche Herren, lassen die Punker aber passieren. Als die draußen sind, verschwinden auch die bösen Herren. Ich beobachte nur und schreibe und mache mir meine eigenen Gedanken. Ich kann mir nicht helfen, aber so schlimm wie die Punker die DDR darstellen, finde ich es hier gar nicht. Vielleicht würde sich das allerdings ändern, wäre ich hier Dauerbürger? Mag sein, aber mit Veronika würde mich das alles nicht stören, Hauptsache, wir beide wären zusammen.

 

Irgendwann ist es dann 5 Uhr nachmittags, und ich schlendere durch Ostberlin. Noch 3 Stunden bis Veronika. Aber was ist, wenn sie mich versetzt? Dann bleibe ich solange in der DDR und gehe so oft in die  „Zille Stuben“,  bis ich sie wiedersehe. Noch nie waren 3 Stunden so endlos lang für mich. Ich bin völlig hilflos gegenüber dem, was hier mit mir geschieht. Habe keinen Einfluss darauf, schließlich gebe ich es auf und gebe mich diesem Totalgefühl hin: VERONIKA! Ich muss, ich werde dich wiedersehen! Wie aber verbringe ich die nächsten 3 Stunden, und zwar so, dass sie so schnell wie möglich vergehen? Schlafen? Bin nicht müde. Wäre nur noch schlimmer, denn ich würde daliegen, an sie denken und mir das Gehirn lahm denken, bis alle Synapsen kurzgeschlossen sind und mein neuronales Netzwerk zusammenbricht...

 

 

ISBN Printausgabe: 9783937699448; 204 Seiten, Preis 14.00 € incl. MwSt., Versand innerhalb von Deutschland portofrei

ISBN e-book: 9783937699455

 

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