Christian Anders:  Die Mauer. Liebe ist stärker.

13. Folge

Ganz schön mutig, denke ich, ist Haley nicht verboten hier im Osten? Meines Wissens legt man hier in der DDR mehr Wert darauf, eigene Rockmusik zu produzieren und zu spielen. Alles, was "aus dem Westen" kommt, wird als Angriff auf das "sozialistische Menschenbild" gewertet und ist demzufolge böse. Auch weiß ich, dass die Rockmusik im Osten strengen ideologischen Dogmen unterworfen ist und, wie die Literatur auch, im Gegensatz zum Westen, eine ihr ureigene, doppeldeutige, poetische Lyrik verkündet, die für den wissenden Hörer eindeutige Akzente setzt. Mit den Puhdys und Karat, meinen DDR-Lieblingsbands, öffnet sich die Musik in der DDR allmählich dem westlichen Ausland, was im Augenblick zu einer Vielfalt von Musikstilen im Osten führt.

Dann endet das Laserlicht, und ein anderes Licht strahlt eine große schimmernde Metallkugel von unten und von der Seite an. Das erzeugt durch die sich drehende Kugel im Raum und an der Decke interessante Lichtmuster. Übrigens: Warum man hier Travolta, Haley und den Rest der westlichen Musik eigentlich nicht will, wird mir allmählich klar. Diese Art von Musik spiegelt einfach nicht den DDR-Alltag wieder, sondern einen ganz anderen und vielleicht viel erstrebens- und lebenswerteren Alltag und macht sie somit für die Herrschenden bzw. die allmächtigen und allgegenwärtigen Musikkontrolleure des Systems  unerwünscht. Andererseits kann ich mir sehr wohl vorstellen, dass ein Bedarf besteht bei den Menschen hier, ihren WIRKLICHEN Alltag mit all seinen schönen, aber auch problematischen Seiten in ihrer Musik widergespiegelt zu sehen bzw. zu hören. Der D.J. ist jedenfalls super, und ich sage es Veronika. Sie korrigiert mich: "Hier gibt es keine DJs. Wir hier in der DDR mögen keine englischen Begriffe.“ Dafür kannst du's aber ganz gut, das Englisch, Veronika. Und die Menschen hier geben sich nur allzu gern englisch angehauchte Vornamen. Sie erklärt weiter: „Was Sie als D.J. bezeichnen, das heißt bei uns  Schallplattenunterhalter oder Schallplattenaufleger oder Diskomoderator. Bevor die überhaupt auflegen dürfen, müssen sie erst eine umfangreiche Ausbildung in Sprachunterricht, Musik und Musikdramaturgie absolvieren, mit anschließender staatlicher Prüfung.“ Dann ruft sie übergangslos: „Wie wär's, tanzen wir Rock'n Roll?" Oh je, ich kann gar nicht besonders gut Rock'n Roll tanzen, aber wie könnte ich Veronika eine Absage erteilen? Also lasse ich mich von ihr auf die Tanzfläche zerren. Bill Haley heizt allen tüchtig ein. Wie bereits erwähnt, ich bin kein Meister des Rock'n Roll, aber Veronika ist EINE GÖTTIN darin. Fast alle anderen bleiben auf der Tanzfläche stehen und sehen uns zu bzw. sie sehen Veronika zu. Sie bewegt sich schlangengleich und leicht wie eine Feder. Veronika lacht: „Da kann der Lipsi nicht mithalten! Das ist ein Modetanz, der hier 1960 eingeführt wurde, um den Rock'n Roll zu ersetzen.“ Plötzlich hört sie mitten im Tanz auf und zieht mich mit sich zur Theke. „Ich hab' Durst.“ Mir fällt nichts anders ein als: „Ich auch.“ Wir gehen an die Bar und ich bestelle zwei Anacoc, denn das ist es, was Veronika trinken will, und ich mache mit, ohne zu wissen, was es ist. Veronika erklärt es mir. Anacoc ist der Handelsname für einen in der Getränkewirtschaft der DDR produzierten Weincocktail auf Weinbasis. Ich proste Veronika zu. Schmeckt nicht schlecht, das Zeug. Eigentlich ist dies die ideale Gelegenheit, auf Brüderschaft zu trinken, gefolgt vom Bruderschaftskuss, den ich natürlich weidlich ausnützen werde. Lieber nicht, damit würde ich Veronika wohl nur verärgern, also verkneife ich es mir, dies auch nur vorzuschlagen und stoße noch mal mit ihr an. Hier brummt der Bär. Die Musik dröhnt. Jetzt erklingt „Wie ein Stern“ von Frank Schöbel. Die Leute sind richtig gut drauf, ganz anders, als ich sie bisher kennen gelernt habe, außerhalb der Disko. Ich denk, ich höre nicht richtig, sie spielen sogar ein Lied von Wolf Biermann. Der ist doch von hier längst ausgebürgert und verboten? So dachte ich zumindest. Was soll’s. Ich versinke in Veronika bzw. in ihren Augen. Kann mich nicht davon lösen. In den fast romantischen Biermann-Sound hinein dröhnt plötzlich die Stimme des DJ, pardon des Schallplattenauflegers: “Und nun die Rolling Stones mit SATISFACTION! Ab geht die Post!“ Aber Veronika will gar nicht tanzen. Sie will reden. Übertönt vom Lärm der Stones, entsteht zwischen Veronika und mir eine Ost-West-Diskussion, in der ich Veronika meine Meinung zurufe, nämlich, dass Diskos in der DDR illuminierte Ghettos sind, in denen man sich geheime Sehnsüchte von der Seele tanzt, eh man wieder brav und gehorsam in den Alltag der DDR tritt, einen Alltag, der sich in der meist amerikanischen Musik kaum widerspiegelt, einer Musik, die jetzt in der Disko immer lauter wird, so dass Veronika und ich uns kaum mehr verstehen können. Das hat aber auch sein Gutes. So kann ich Veronika ganz nahe kommen, mit der Entschuldigung, ihr ins Ohr sprechen zu müssen, damit sie mich überhaupt hört. Wie schön sie duftet. Ich lasse mir Zeit mit dem Reden, denn je länger und mehr ich rede, umso öfter kann ich ihr nahe kommen, in ihr lieblich geformtes Ohr sprechen und den Duft ihrer Haare genießen. Sie dagegen spricht zuerst direkt zu mir, ohne sich zu mir zu beugen. Ich spiele den Schwerhörigen, auch als die Musik mit „Love me tender“ von Elvis jetzt etwas leiser wird. Da beugt sie sich zu mir, und ihre Engelslippen berühren mein Ohr. Was ich höre, bzw. was sie mir jetzt ins Ohr sagt, ist allerdings nicht engelsgleich: ...

 

ISBN Printausgabe: 9783937699448; 204 Seiten, Preis 14.00 € incl. MwSt., Versand innerhalb von Deutschland portofrei

ISBN e-book: 9783937699455

 

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